Von Wolken und verschollenen Texten

Mögt ihr auch dieses Wetter so sehr? Diese Wolken, die zwischen den Bergen hängen und von denen man nie genau weiss, ob sie nun abstürzen oder sich verziehen werden. Dieses herbstliche Regenwolkengemisch, das es aber meist nur an nasskühlen Sommertagen in den Bergen gibt. Ein Naturschauspiel, das ich als Kind geliebt habe und an dem ich mich auch jetzt noch erfreue. Mit 18 habe ich einen Text darüber geschrieben:

Dichter Nebel umhüllt die Häuser. Sie sitzt am Fenster und versucht den Baum im Vorgarten zu sehen. In einem dicken, trübgrauen Mantel steht er da und schläft.

In einigen Stunden wird man Nebel und Wolken wieder voneinander unterscheiden können. Langsam werden sich die milchigen Schwaden zurückziehen und ein einzigartiges Naturschauspiel sichtbar werden lassen. Die Wolken werden in einer ungeheuren Geschwindigkeit durchs Tal ziehen. Die grossen hoch am Himmel, die kleinen, verschmitzten, weit unten im Tal. Man könnte meinen, sie möchten, Ikarus nachahmend, zum Fluss hinabstürzen, die Füsse im Wasser baden, um die Häuser ziehen, die schlafende Tochter des Gemeindepräsidenten durch die Ritzen des Fensterladens beobachten, um danach schwungvoll die Grossen wieder einzuholen.
Noch schläft das kleine, verträumte Dörfchen. Der Hahn der Wirtin geniesst seine Ruhe, das Postauto steht in der Garage, nicht einmal die Krämerfrau, die stets als erste auf den Beinen ist, ist zu sehen.

Sie fröstelt. Nachdem die Heizung angestellt ist, geht sie in die Küche um einen Kaffee zu kochen. Den hat sie jetzt bitter nötig. Sie ist immer noch gewaltig müde von der Reise.
Es war schon dunkel, als sie im Dorf angekommen ist. Niemand hat sie gesehen, nur der Postautofahrer, der sie durchs Tal gefahren hat. Er war freundlich, versuchte ein Gespräch anzufangen. Sie war nicht in der Stimmung zu reden, lächelte ein bisschen und stellte sich dann schlafend. Nur ab und zu wagte sie einen kurzen Blick aus dem Fenster, um zu sehen, wo sie waren.
Oben angekommen half er ihr mit dem Gepäck, wünschte ihr einen schönen Abend und liess sie dann auf dem Dorfplatz stehen, um das Postauto in die Garage zu chauffieren. Nun stand sie alleine da. Sie sah sich um. Geradeaus die Kirche, dahinter die alte Post, rechts das Restaurant. Es hatte sich nichts verändert. Nur kam ihr alles ein bisschen kleiner vor. Oder wirkte das einfach nur so, weil sie grösser geworden war?
Gross fühlte sie sich in diesem Moment gar nicht. Sie packte ihre Reisetasche und begann den Aufstieg zum Haus.

Mit ihrer leeren Kaffeetasse sitzt sie da, die Beine angewinkelt, die Arme darum geschlungen, den Kopf abgestützt auf den Knien. Und jetzt? Wie weiter?
Wie oft hat sie sich in den letzten Monaten diese Frage gestellt, wie weiter? Viele Antworten hat sie gewusst, anscheinend nie die richtige.
Draussen fallen die ersten, schweren Regentropfen. Also doch keine abgestürzten Wolken, sondern nur eine trübe Suppe.

Geschrieben mit 18, verloren mit 23 (als jemand meinen Computer aus dem Studentenwohnheim klaute), wiedergefunden mit 33 (dank den tollen Backups, die mein Vater immer gemacht hatte).

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